Karate – Eine Kampfkunst im Wandel

Karate – Eine Kampfkunst im Wandel

Von Andree Kielholtz für PHOENIX Budosport. (Andree ist für mich Karate - ein Freund über viele Jahre hinweg und ein Kampfkünstler sowie erfolgreicher Sportler durch und durch.

Informationen über Andree findet ihr hier: https://www.ryukyu-bujutsu.de/

Es freut mich ungemein, dass ich diesen Artikel in unserem Blog präsentieren darf. Marco Reicke)

 

Früher war alles besser! Natürlich! Warum kann zwar keiner genau sagen, und meist gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, um diese Aussage zu untermauern. Aber: Früher war es einfach besser!

Tatsächlich waren Dinge anders. Statt E-Mail gab es den Brief, Kutschen statt Autos, und Karate war noch eine echte Kampfkunst. Aber diese Veränderungen geschehen nicht über Nacht, sondern sind in der Regel eine Art Reifeprozess, in dem sich die Dinge ihrer Zeit, den Menschen und ihrer Kultur anpassen.

Viele moderne Karate Ka glauben, dass diese Veränderung passierte, als Karate von Japan in den Westen gelangte. Oder doch bereits früher, als das ursprüngliche Karate seinen Weg von Okinawa nach Japan antrat. Nun, ich betreibe Karate seit über 4 Jahrzehnten, und selbst in dieser kurzen Zeit hat sich Karate maßgeblich verändert. Und auch wenn die ersten beiden Aussagen sicherlich zutreffen, so ist Karate einem ständigen aber durchaus natürlichen Wandel unterlegen. Ganz so, wie es Funakoshi Gichin sagte, als er behauptete

„Die Zeiten ändern sich; die Welt ändert sich; und ganz offensichtlich müssen

sich auch die Kampfkünste ändern.“

Sicherlich war Karate ursprünglich eine Kunst zur Selbstverteidigung. Und wenn man es entsprechend ausübt, so ist es das heute noch! Doch im Laufe der Zeit hat Karate sich entwickelt, hat viele Facetten bekommen, die es vielleicht vor 200 Jahren noch nicht hatte. Karate kann heute so vieles sein: Sport, körperlicher Ausgleich, Gesundheitstraining, Wettkampf, Energiearbeit und Selbstverteidigung. Es wird von allen Altersgruppen ausgeübt, ist für Kinder und Senioren jeden Alters geeignet, kennt keine Hautfarbe und grenzt keine Religion aus. Lange bevor Gendern ein Thema wurde war Karate eine Kampfkunst, die ihre Türe allen Geschlechtern öffnete. Der einheitliche weiße Keiko Gi war ein Symbol der Gleichheit, und Zeichen der Einheit zwischen allen, die gemeinsam auf der Matte standen.

Wie viele andere unterlag auch ich der romantischen Idee, dass das ursprüngliche Karate, das „Original“ sicher irgendwo da draußen noch existiert. Im besten Fall in Okinawa, dem Geburtsort meiner geliebten Kampfkunst. Und ich hatte Glück, denn ich fand einen Sensei in Okinawa, welcher nicht nur ein hervorragender Lehrer ist, sondern der als Kurator des ersten Karate und Kobudo Museums in Okinawa auch einer der angesehensten Karate Historiker ist. Er hat mit vielen der sogenannten „alten Meistern“ trainiert, und hat viele der genannten Veränderungen nicht nur miterlebt, sondern auch mit initiiert.

Ich hatte das Glück, in vielen verschiedenen Dojo in Okinawa zu trainieren. Ich durfte unter namhaften Lehrern der verschiedensten Stilrichtungen üben. Und selbst hier, in der Wiege des Karate, gibt es Unterschiede und Veränderungen! Alles erinnert an Deutschland, denn man trifft fast so viele unterschiedliche Ansätze, wie es Karate Ka gibt. Die einen wollen reine Selbstverteidigung, die anderen trainieren wegen der Kunst und dem Kulturerbe, und wieder andere sind ganz vernarrt auf sportliche Erfolge. Die Mehrzahl der Karate Ka trainiert, ganz ähnlich wie in unseren Breitengraden, ein bis zweimal in der Woche. Ebenfalls ähnlich wie in Europa ist der Leistungsstand bei diesem Trainingspensum eher durchschnittlich, und in den meisten Dojo sucht man den „Karate Superstar“ vergeblich. Denn auch in Okinawa haben Karate Ka meist einen Job, eine Familie, ein Hobby und andere Verpflichtungen, und trainieren daher ebenso intensiv und häufig, wie es ihre europäischen Karate Geschwister tun.

Man sieht, trotz aller Veränderung sind es vielleicht gerade diese Konstanten, die uns mit dem Heimatland des Karate, und damit mit dem Ursprung, verbindet. Und trotz aller Veränderung gilt in Okinawa die Pflege der Tradition, der Kultur und der damit verbundenen Geschichte als überaus wichtig. Man definiert sich geradezu über diese Traditionen, welche hier jedoch nicht, wie in vielen westlichen Dojo, nur Lippenbekenntnis sind. Tradition lebt, wird von Generation zu Generation weitergegeben, und unterliegt dabei einem natürlichen Wandel. Dennoch ist man bemüht, diese Veränderungen nicht einfach herbeizuführen, sondern sie ganzheitlich zu verstehen. „On Ko Chi Shin“ sagt man auf den Inseln des Ryukyu Archipels, zu dem Okinawa als Hauptinsel gehört. Das Alte studieren, um das neue zu verstehen. Ein Motto, dem auch wir im Westen sicher vieles abgewinnen könnten, um uns und unser Karate nicht nur zu verändern, sondern um uns zu entwickeln. Denn das ist es, was Veränderung im optimalen Fall mit sich bringt; Entwicklung.

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